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Crowdsourcing - Eine Alternative zur klassischen Wertschöpfung und Arbeitsorganisation von Unternehmen

31. Juli 2017


Das Internet hat die modernen Organisationsformen und Unternehmen in den letzten Jahren auf diverse Arten verändert. Neu entstandene Plattformen und Netzwerke funktionieren über die üblichen räumlichen und zeitlichen Grenzen hinaus und ermöglichen Unternehmen und Organisationen einen neuen Zugang zu Arbeitskräften sowie Ressourcen mit einem ganz neuen Grad von Flexibilität. Vermittelt werden Aufträge immer öfter über Crowdsourcing-Plattformen. Michelle van der Veen, Account Manager Digital & Content, hat sich das Phänomen genauer angesehen.

Die Begrifflichkeit des „Crowdsourcing“ wurde vom Amerikaner Jeff Howe im Jahr 2006 in einem Artikel für das Magazin Wired beschrieben. In seinem Artikel stellt Howe mehrere Plattformen vor, auf denen die Leistungen vieler für wenig Geld angeboten werden wie die mittlerweile von Getty Images aufgekaufte Seite iStockphoto, auf der Fotos gehandelt werden, oder Amazon Mechanical Turk, ein Marktplatz für einfach Aufgaben, die Computer nicht erledigen können, wie das Identifizieren von Fotos oder das Beschreiben konkreter Produkte. Alle Angebote eint, dass sie Unternehmen die Möglichkeit bieten, Dienstleistungen günstig  einzukaufen ohne dafür Mitarbeiter oder Subunternehmer beschäftigen zu müssen. Seiten dieser Art existieren mittlerweile für zahlreiche Angebote – vom Softwaredesign bis hin zum Videoschnitt. Viele Unternehmen machen sich dies zunutze und vergeben Aufgaben digital an eine anonyme Menge potentieller Anbieter – meist Privatpersonen, die „Crowd“. Weshalb hier nicht mehr vom klassischen „Outsourcing“ die Rede ist, sondern von „Crowdsourcing“. Über das Internet greifen Unternehmen dabei schnell und gezielt auf ein großes Reservoir an Arbeitskräften  zurück. 

Crowdsourcing stellt also eine ganz neue, innovative Art der Arbeitsorganisation dar, mit der diverse Veränderungen sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Arbeitgeberseite einhergehen, deren Ausmaß auf die zukünftige Arbeitswelt noch nicht absehbar ist. Welche Veränderungsprozesse konkret zu erwarten sind und wie sich diese gestalten, ist bisher weitgehend unklar, weil kaum wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Ansatz vorhanden sind. Vor diesem Hintergrund hat die Hans-Böckler-Stiftung im Jahr 2016 das Projekt „Crowd Work – Arbeiten in der Wolke“ gestartet, in dessen Rahmen die ersten Studien zum Thema entstanden ist. Durch diese Initiative liegen nun zum ersten Mal grundlegende Daten und Fakten zur Arbeit von deutschen Crowd Workern auf (internationalen) Crowdsourcing-Plattformen vor.
 

Was ist Crowdsourcing?

Der Begriff „Crowdsourcing“ stellt eine Wortschöpfung aus den Wörtern „Crowd“ und „Outsourcing“ dar und geht wie eingangs erwähnt auf Jeff Howe zurück, der diesen erstmals im Wired Magazine von 2006 verwendete. Der Begriff  Crowdsourcing unterscheidet sich dabei sehr grundsätzlich vom Begriff des Outsourcing. Während unter dem Begriff Outsourcing eine Auslagerung einer definierten Aufgabe an ein Drittunternehmen oder eine bestimmte Institution oder einen Akteur verstanden wird, adressiert die Auslagerung im Falle des Crowdsourcings die gesamte „Crowd“, also eine undefinierte Masse an Menschen. Jan Marco Leimeister leitet basierend auf einer umfassenden Literaturstudie zum Themenfeld Crowdsourcing die nachfolgende Definition ab:

Beim Crowdsourcing schlägt ein Crowdsourcer, der Unternehmung, Organisation, Gruppe oder Individuum sein kann, einer undefinierten Menge von potenziell Mitwirkenden (Crowdsourcees bzw. Crowd Worker) eine Aufgabe über einen offenen Aufruf vor. Diese Crowd Worker, die Individuen, formelle oder informelle Gruppen, Organisationen oder Unternehmen sein können, übernehmen die Bearbeitung der Aufgabe. Der folgende Interaktionsprozess erfolgt über IT-gestützte Crowdsourcing-Plattformen. (LEIMEISTER ET AL. (2016)

Nach dieser Definition gibt es drei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit sich von Crowdsourcing sprechen lässt: es findet ein (1) offener Aufruf zur Durchführung von Aufgaben statt, wobei sich die Teilnehmer, die als Crowd Worker bezeichnet werden per (2) Selbstselektion zur Teilnahme entscheiden können. Der gesamte Interaktionsprozess selbst erfolgt über eine (3) IT-gestützte Plattform. Das besondere an der Crowd ist zumeist, dass sie aus unternehmensexternen Personen, besteht – theoretisch kann hierbei also jede Person weltweit mit einem Internetanschluss als Crowd Worker fungieren. Diese Art der Auslagerung von Aktivitäten und Aufgaben an externe, heterogene und anonyme Massen von Menschen über externe Crowdsourcing-Plattformen ist zu einer echten Alternative zur klassischen Wertschöpfung und auch zur Arbeitsorganisation aus der Perspektive von Unternehmen bzw. Crowdsourcern geworden. Das Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft kommt in einer Crowd-Studie zu dem Ergebnis, dass 94 Prozent der darin befragten Unternehmen generell externe Akteure wie etwa Kunden, Lieferanten, Bildungseinrichtungen und Beratungen in ihren Wertschöpfungsprozess einbinden. 19 Prozent geben in diesem Zusammenhang an, mit anonymen Produzenten der digitalen Crowd zusammenzuarbeiten und das vor allem in den Bereichen Kundenservice, Marketing, Kommunikation und Marktforschung. Inzwischen gibt es darüber hinaus sogar einen Crowdsourcing-Verband, der als Interessenvertretung und Aufklärungsorgan rund um Crowdsourcing-Themen dienen soll. Dies kann als Hinweis für die wachsende Relevanz der Crowdsourcing-Plattformen als digitalem Arbeitsmarkt und den Crowd Workern als digitalen Arbeitnehmern beziehungsweise Freiberuflern gewertet werden. 

Crowdsourcing-Plattform-Typen und Crowd-Work-Angebote
 
Es lassen sich fünf unterschiedliche Formen von Crowdsourcing-Platfformen identifizieren: Microtask-Plattformen (einfache, schnell zu erledigende Aufgaben), Marktplatz-Plattformen (komplexe Aufgaben), Design-Plattformen (Gestaltung), Testing-Plattformen (Testen von Software, Produkten und Applikationen) und Innovationsplattformen (Innovationsentwicklung). Diese Einteilung stellt bestehende Beschäftigungsmöglichkeiten im Rahmen von Crowd-Work-Angeboten dar und basiert auf Plattformen, die momentan am Markt aktiv sind. Desweiteren kann zwischen unternehmenseigenen und externen Plattformen unterschieden werden. Größere Organisationen betreiben mittlerweile auch eigene, interne Plattformen, über welche sie bestimmte Aufgaben an die Crowd auslagern können. Auf den Microtask-, Testing und Marktplatz-Plattformen herrscht ein zeitbasierter Wettbewerb. Hier müssen die Crowd Worker fortlaufend aktuelle Ausschreibungen verfolgen, um sich auf die Aufgaben, die ihnen zusagen, zu bewerben und diese tatsächlich zu erhalten. Dieser Druck steigt insbesondere dadurch, dass deutsche Crowd Worker auf den meisten Plattformen in einem Wettbewerb mit Crowd Workern aus anderen Ländern stehen. Auf Design- und Innovationsplattformen finden meist ergebnisorientierte Wettbewerbe statt: alle Teilnehmer müssen hier zunächst ihre Ergebnisse oder Entwürfe einreichen, aus denen das auftraggebende Unternehmen dann einen oder mehrere Gewinner auswählt. 

Die Zukunft der Arbeit

Die Arbeitswelt verändert sich seit dem Beginn des Internetzeitalters immer schneller. Noch ist nicht abzusehen welche Entwicklungen und Trends noch auf Unternehmen und Organisationen zukommen. Crwodsourcing ist nur eine von vielen Ausprägungen, die heute schon zeigen, dass der Arbeitsmarkt und unser Verständnis von Arbeit sich verändern. Crowdsourcing bietet dabei nicht nur eine neue Form der Wertschöpfung für Unternehmen sondern auch viele Vorteile für Crowd Worker wie eine erhöhte Flexibilität, Abwechslung und neue Beschäftigungsmöglichkeiten, da die Crowd Worker nicht nur entscheiden können, welche Aufgaben sie erledigen möchten, sondern auch wann, wo und in welchem Umfang. 

Beitragsbild: Perzon Seo, Creative Commons (2017) ©


 


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